Leseproben aus Werken von KÔUN-AN DÔRU CHIKÔ DAISHI

Ausgewählte Zitate aus KÔUN-AN DÔRU CHIKÔ DAISHI's Teisho zu MUMON-KAN 1 - 48

In unserem Jedermanns-Bewußtsein leben wir in der Dualität von Subjekt und Objekt: Ich hier, die objektive Welt getrennt davon. Doch sogar die Naturwissenschaftler kommen heute - besonders über die Quanten-Mechanik- dazu, zu verstehen, daß diese Sicht irrig ist. Die Aussprüche manch eines großen Naturwissenschaftlers heute deuten an, daß wir das Universum nicht endecken. sondern eher erschaffen, daß die objektive Welt nicht unabhängig von der subjektiven, vom Subjekt, nämlich von uns existiert. Doch das wissenschaftlich zu verstehen, ist etwas sehr Anderes, als unmittelbar zu erleben, daß wir und die "Welt mit den zehntausend Dingen", also das Universum mit allen Phänomenen, Eins sind. Was ist dieses Subjekt?
Doch nicht nur die Dualität muss transzendiert werden, sondern auch das Einssein - sonst wird es sofort zu einem neuen Objekt.
Mumon-kan Fall 8/ 22.9.85

Wir stehen auf und setzen uns hin. Einen Ton hörend, wenden wir den Kopf. Wir essen, schlafen, scheiden aus, wir gehen, heben die Hand, ergreifen etwas. All das ist uns so selbstverständlich, daß wir meinen, wir verstünden es auch. Doch weit gefehlt! Auch alle Erklärungen von Ärzten, Neurologen, Verhaltensforschern usw. betreffen nur eine dünne Oberschicht, und die Tiefe der Natur bleibt völlig rätselhaft, ja, wir können auch sagen: "übernatürlich". Das Übernatürliche ist die Natur selbst, und wir hätten allen Grund, angesichts der einfachen, alltäglichen Vorgange tiefe Ehrfurcht zu empfinden.
Mumon-kan Fall 25

Jeder Wissende in Ost und West sagt uns das Gleiche, einerlei zu welcher Religion, Rasse, Kultur und Zeit er auch gehören mag. Ja, und wie erleben wir nun das Wahre-Selbst? Indem wir uns vergessen.
So sagt denn Dogen Zenji "Sich selbst erfahren, heißt, sich vergessen." Leider ist das keine Frage des guten Willens. So gibt man uns denn z.B. [das Koan] MU, in dem wir schließlich voll aufgehen und uns vergessen können. MU füllt allmählich alles aus, und so sterben wir schließlich, das Bewußtsein unserer selbst verlierend, in Mu hinein, -- und dadurch entdecken wir UNS-SELBST, nämlich das Wahre-Wesen, das auch das Wahre-Wesen des Weltalls ist
Mumon-kan Fall 47/ 15.7.89

Es geht hier wie bei jedem Koan um Sie und um sonst nichts. Und erst wenn unser Bewußtsein zur Höhe des Bewußtseins eines Joshu entwickelt ist, können wir voll begreifen, was vor sich geht, und dann ist es unser Koan und nicht mehr das von Meister Joshu. So muss ein jedes Koan, eine jede Zen-Frage, eine jede Zen-Antwort unsere Frage, unsere Antwort sein, als hätte nie ein anderer das je gesagt.
Mumon-kan Fall 11/ 1.6.86

Die Einheit zu erfahren, darf nicht verwechselt werden mit Gleichmacherei. Zum Erlebnis des Eins-Seins bedarf es eines Wechsels der Ebene des Bewußtseins - Gleichmacherei - jap. "akubyodo" = falsche Gleichheit - spielt sich auf der Ebene des Jedermanns-Bewußtseins ab. Wer die Welt der Ungeschiedenheit wahrhaft erlebt hat. der sieht auch gleichzeitig und als eins damit die Einzigartigkeit eines jeden.
Mumon-kan Fall 21 / 26.10.86

Wir machen uns die Probleme aus unserer beschränkten, dualistischen Sicht heraus. So "fesseln wir uns ohne Seil", wie man im Zen sagt. Da ist dann der Dualismus von "draußen und drinnen", von "Leben und Tod", von "Geist und Materie", ja, auch von "Wahrem-Selbst und Ego-Ich", von "Gott und Welt" und so fort.
Bei den Sufi heißt es "Wer Wasser finden will muß an einer Stelle tief graben, nicht hier und da an der Oberfläche kratzen." Man weiß das Gleiche in allen Traditionen. Wir schürfen "an einer Stelle tief", wenn wir uns still auf dem Kissen in unsere Übung versenken.
Damit wird das Ego-Ich, das sonst alles überkrustet, ausgetrickst, und wir gewahren plötzlich, was immer IST. Und schließlich werden wir dessen inne, daß Ego-Ich und Wahres-Selbst nicht zwei sind, daß Form und LEERE, Leben und Tod nicht zwei sind.
Alle Erscheinungsformen sind nichts als Vollkommenheit - wie verschieden sie auch sein mögen. So ist es also mit unserem Alltag, einerlei ob wir lachen oder weinen. Ist das nicht ein großes Glück? Die Hindu nennen den Zustand, da das voll erlebt wird, "Satchidananda", also "Sein-Bewußtsein-Seligkeit". In solchem Zustand haftet der Mensch weder an Verschiedenheiten, noch an der Gleichheit.
Mumon-kan Fall 35/ 3.7.88

Vortrage, Argumente, Erklärungen treffen uns nur an der Oberflache. Erst wenn wir zutiefst herausgefordert werden, z.B. ins Unrecht gesetzt, in Zweifel gestürzt oder gezüchtigt werden, wenn wir in Lebensgefahr geraten, kommen tiefere Kräfte in uns ins Spiel. Unser Herz ist träge; es beharrt nur allzu gern in den eingefahrenen Wegen. Nur unter starkem Druck bequemt es sich aus dem Gewohnten heraus. So schaffen die echten Meister aller Richtungen solche schier ausweglosen oder gefährlichen Situationen oder schockieren uns mit Worten, auf daß wir unsere selbstgefertigten Fesseln zerbrechen mögen. So hier Meister Hôen mit seinen Worten, bei denen sich der Jedermann wie vor den Kopf geschlagen fühlt.
Gut so, gut so!
Mumon-kan Fall 45/ 23.10.88

Wer zu einigermaßen tiefer Erleuchtung gekommen ist, der erkennt zudem unmittelbar jeden, dem Gleiches widerfahren ist auf einem anderen Wege, sei jener nun ein Sufi, ein Taoist, ein christlicher Mystiker, ein indianischer Schamane, ein Hindu oder was auch immer. Er durchschaut jegliche Namen und jegliche Terminologie - ist auf nichts festgelegt. Für einen Europäer, der tief genug durchgeblickt hat, sind denn auch die alt-chinesischen Koan durchschaubar. Es gibt nur ganz wenige Koan, für die eine gewisse Kenntnis chinesischer Legenden, Gebräuche oder Geschichte notwendig ist.
Mumon-kan Fall 38/ 31.7.88

Selbst innerhalb eines Zendo: Sag nur einen Teil, aber niemals alles. Ganz meine Ansicht! Deshalb bin ich so gegen Teisho, die zuviel erklären. Damit nimmt man den Menschen die Möglichkeit, die Dinge in sich selbst zu finden. Die einen meinen. sie hatten es ja nun verstanden und das genüge. Andere aber, die mehr Gespür haben und wissen, daß sie es um jeden Preis in sich selbst finden müssen, werden ärgerlich, werden solche Erklärungen doch nur zu einem zusätzlichen Ballast, der auch noch vergessen werden muss. Koan zu erklären, ist in keinem Fall Barmherzigkeit; man richtet damit vielmehr schweren Schaden an.
Mumon-kan Fall 33/ 26.6.88

Was Meister Daii sagt, mag dem Jedermann viel vernünftiger klingen: Hat einer einen Stock, so nimmt er ihn weg - hat einer keinen, so gibt er ihm einen. Doch Vorsicht! Aufgepasst! Meister Daii spricht nicht aus Vernunft und wendet sich nicht an unsere Vernunft. Welcher Zen-Meister täte das? Wenn es einer tut, so hat er aufgehört, ein Zen-Meister zu sein. Vernunft und vernünftige Erklärungen wenden sich an den Kopf, an unser Jedermanns-Bewußtsein - und blockieren damit echte Erfahrung, die anderen Kräften entspringt. Diese anderen Kräfte brechen auf, wenn der Intellekt im Dunkeln liegt. Wird ein Koan erklärt, so hat es seine Wirk-Kraft verloren, ist entschärft und kann nicht mehr der Sprengung unserer Verblendung dienen. Schlaff baumelt es herum - ein lebloses Ding, Nahrung für den Jedermanns-Intellekt. Bei einem Teisho gilt es, das Koan nicht zu solcher Leiche zu machen.
Mumon-kan Fall 44/ 16.10.88

Doch Sie sehen, es gelingt diesen großen Meistern. den Jedermann zu schockieren, sein gewöhnliches Denken gleichsam von allen Seiten her einzuquetschen. Und was macht eine Masse, die zwischen zwei Stahlplatten eingequetscht wird? Sie weicht nach oben und/oder unten aus. Genau das geschieht dem Jedermanns-Bewußtsein, wenn es von den Meistern in die Zange genommen wird: Es wechselt - nolens volens - die Ebene. Stellt man sich diesen Aussagen wirklich, so bleibt gar nichts anderes übig als Erleuchtung zu finden. Ist das nicht köstlich: Einziger Ausweg: Erleuchtung. Grad darauf legen es die Meister auch an - und dazu brauchen sie sich nicht anzustrengen. Sie brauchen nur ganz absichtslos zu sprechen und zu handeln, wie es ihnen entspricht, und da stehen wir schon verwirrt mit offenem Mund. Lässig zerstören sie uns unsere schönsten Begriffe, Ideen und Vorstellungen - und unsere Lieblingsschwierigkeiten. Bitte, und was bleibt dann übrig? Tatsachen - einfach Tatsachen! Nackt und bloß, entledigt aller Aufkleber. Was heißt da "Buddha"? Was heißt da "Weg"? Frei von allen Vorstellungen und allem Anhaften, finden wir uns schließlich in der Welt jenseits dualistischer Gegensätzlichkeiten.
Mumon-kan Fall 34

Ein Satori, das noch Spuren von intellektuellen Einmischungen hat, kann man nicht als "echtes Satori" bezeichnen. Echtes Satori ist jenseits alles Begrifflichen. Echtes Satori ist jenseits dessen, was Sinne und Verstand uns vermitteln; es erschließt uns eine andere Dimension. Und darum geht es. Wo das nicht der Fall ist, da ist kein Zen.
Gibt es eigentlich ein "falsches, unechtes Zen" Nein! Es gibt nur echtes Zen - und was nicht echtes Zen ist, das mag echtes Philosophieren, echtes Gegenstand-Meditieren oder sonst etwas sein. Aber Zen ist es nicht. Kritisch wird die Sache nur, wenn ich etwas "Zen" nenne was kein Zen ist, wenn ich etwas "Wesens-Schau" nenne, was zwar eine echte psychologische Einsicht oder eine geistreiche Schlußfolgerung ist, aber kein Satori.
Mumon-kan Fall 4

Was Shuzan da hochhält, nennt sich nicht selbst "Stab". Wir sind es. die Bezeichnungen und Aufkleber benutzen. Wir können das Ding auch nicht wahllos anders nennen, "Elefant" oder "Kohlrübe" - Zen fordert nicht zu Blödsinn heraus. Und wenn wir gar nichts sagen, so ist es wiederum falsch. Erst wenn wir alle Namen und Nicht-Namen, alles Wissen und Nicht-Wissen transzendiert haben, können wir frei und ungehindert antworten, zu Hause im Eigenschaften-Eigenschaftslosen.
Mumon-kan Fall 43/ 25.9.88

Nur wer klar die Unterschiede erkennt, hat wirklich die Einheit begriffen - und nur wer die Einheit erfahren hat, kann wirklich klar die Unterschiede sehen. Das gilt überall und für alles, z.B. für die verschiedenen Kulturen. Nur wer aufs deutlichste die gravierenden Unterschiede im Bewußtsein der Menschen von West und Ost erfaßt, gewahrt wirklich die Einheit beider - und nur wer die Einheit in sich selbst erlebt hat, sieht klar und deutlich die Unterschiede. Nur wer in beiden Kulturen zu Hause ist, kann als Übermittler wirken. Die entscheidende "Übermittlung" findet zunächst in ihm selbst statt.
Mumon-kan Fall 31/ 15.11.87

Es ist weit besser, die Große-Leere und alles völlig zu vergessen. Jedes Haften an dieser Erfahrung würde diese nur zu einem "Objekt" machen, und damit wären wir zurück im Jedermanns-Bewußtsein. "Ein Buddha, der weiß, daß er ein Buddha ist, ist ein gewöhnlicher Mensch" heißt es. Das Erlebnis des Absoluten muß ebenso transzendiert werden wie das des Relativen, sonst wird das "Absolute" objektiviert - und damit ist es relativ.
Mumon-kan Fall 26/ 30.8.87

Das Erleben der Befreiung geht Zug um Zug vor sich. Doch mag einer auch weit vorgedrungen und dem anderen - oder den anderen - weit voraus sein in seiner Entwicklung, so ist damit noch lange nicht das höchste, unübertreffliche "Spielfeld" erreicht. Wenn sich, wie wir hören, gar der Buddha noch nach seiner Vollen-Erleuchtung und seinem Mahanirvana weiter schult, dann kommt uns eine Ahnung, daß der Weg kein Ende hat. Je tiefer wir dringen, je länger wir den weglosen Weg gehen, desto deutlicher erleben wir, daß da immer noch ein Undurchdringlich-Subtiles, Unbegreifliches ist. Zum Beispiel: Warum ist das hier alles da? Kann irgend jemand darauf antworten? Nein! Wie also könnte jemand auf die Idee kommen, er hatte es erreicht? Ein Durchbruch ist nicht mehr als ein Sandkorn am Fuße des Himalaya. Und ist einer durch alle Koan gegangen. so ist es nur gleich einem winzigen Kiesel. Doch Sandkorn wie Kiesel sind von gleicher Art wie der Himalaya.
Mumon-kan Fall 48/ 23.7.89